HR & Personalverwaltung
26/02/2026
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Unlimited PTO & Urlaubsmanagement: Warum Kultur, Transparenz und Tooling untrennbar sind

Ein Interview mit Stefan Scheller (Persoblogger)

Stefan Scheller ist HR-Influencer und Gründer von PERSOBLOGGER.DE, einer der bekanntesten deutschsprachigen HR-Plattformen. Hauptberuflich arbeitet er als HR-Manager bei der DATEV eG in Nürnberg.

Abwesenheitsmanagement in Deutschland hat sich grundlegend gewandelt: Es geht längst nicht mehr nur um die reine Freigabe von Urlaubsanträgen. Hybride Arbeitsmodelle, Care-Arbeit und moderne Benefits wie Unlimited PTO (Vertrauensurlaub) verändern die Erwartungshaltung der Belegschaft und legen offen, wie belastbar Prozesse und Unternehmenskultur tatsächlich sind.

Im Gespräch mit Lucca erläutert Stefan Scheller von PERSOBLOGGER.DE, wo die strategischen Fallstricke liegen und welche Voraussetzungen HR-Teams schaffen müssen, bevor sie flexible Urlaubsmodelle einführen.


Key Takeaways

  • Kultur-Indikator: Vertrauensurlaub ist weit mehr als ein Recruiting-Label – es ist ein Härtetest für das Vertrauensverhältnis im Unternehmen.

  • Das Autonomie-Paradoxon: Ohne klare Leitplanken führt mehr Freiheit oft dazu, dass Mitarbeiter:innen faktisch weniger Erholungszeit in Anspruch nehmen.

  • Struktur vor Flexibilität: Transparente Vertretungsregelungen sind die Grundvoraussetzung, damit Flexibilität nicht zur kollektiven Belastung wird.

  • Tooling als Enabler: Software beschleunigt die Abwicklung, doch die kulturelle Akzeptanz entscheidet über den Erfolg.


„Richtlinien lassen sich schneller in Software gießen, als sich eine gewachsene Kultur transformieren lässt.“

Stefan Scheller, 

PERSOBLOGGER.DE

Das Interview

Lucca: Stefan, wird das Abwesenheitsmanagement heute noch primär als administrativer Prozess betrachtet oder hat es bereits eine strategische Relevanz?

Stefan Scheller: Ein hoher administrativer Aufwand entsteht meist dort, wo Unternehmen noch keine adäquaten digitalen Lösungen einsetzen. Viele Prozessschritte lassen sich effizient vorverlagern – etwa durch verbindliche Abstimmungen innerhalb der Teams. Wenn Urlaube bereits intern koordiniert sind, entfällt die Notwendigkeit einer hierarchischen Genehmigung weitgehend. Strategisch wird das Thema in dem Moment, in dem ungelöste Abwesenheitskonflikte die Teamdynamik belasten oder wenn flexible Modelle entscheidend zum Employer Branding und zur Mitarbeiterbindung beitragen.

Lucca: Woran erkennt HR zuerst, dass die bestehenden Regelungen nicht mehr mit der Realität korrespondieren?

Stefan Scheller: Ein deutliches Warnsignal sind schwerfällige, oft noch papierbasierte oder technologisch veraltete Antragsprozesse. Ein weiteres Alarmsignal ist der „Genehmigungsstau“, der entsteht, wenn starre Hierarchien die Entscheidungsfindung verzögern. Grundsätzlich zeigt sich ein Handlungsbedarf immer dann, wenn neue Lebensrealitäten – wie Care-Arbeit, Mental Load oder hybride Modelle – mit unflexiblen Reglementierungen kollidieren.

Lucca: Welche gesellschaftlichen Entwicklungen erhöhen den Anpassungsdruck derzeit am stärksten?

Stefan Scheller: Im Bereich der geplanten Abwesenheiten sind es vor allem Sabbaticals, hybride Arbeitsmodelle sowie der steigende Bedarf an Zeiten für die Pflege von Angehörigen oder die Kinderbetreuung. Zudem müssen Unternehmen Exit-Szenarien und Resturlaubsansprüche heute wesentlich strukturierter und rechtssicherer abbilden, als dies früher der Fall war.

Lucca: Stichwort „Unlimited PTO“ bzw. Vertrauensurlaub: Welches Signal sendet dieses Modell aus und wo liegen die Risiken?

Stefan Scheller: In erster Linie ist es ein starkes Vertrauenssignal und ein attraktives Merkmal im Employer Branding. Es suggeriert, dass die internen Prozesse so ausgereift sind, dass maximale Flexibilität die Produktivität nicht gefährdet. Kritisch wird es jedoch, wenn das Modell in der Praxis zu Intransparenz führt. Wenn Erwartungshaltungen innerhalb des Teams – besonders während der Hauptferienzeiten – als ungerecht empfunden werden, schlägt der Benefit schnell in Frustration um.


Reality Check für HR (vor Einführung flexibler Modelle)

Bevor du auf Unlimited PTO oder hochflexible Modelle umstellst, sollten folgende Fragen geklärt sein:

  • Vertretungsregelung: Sind Verantwortlichkeiten und Übergabeprozesse verbindlich definiert?

  • Transparenz: Haben alle Teammitglieder Einsicht in Abwesenheitsübersichten und Lastspitzen?

  • Vorbildfunktion: Leben Führungskräfte eine gesunde Urlaubskultur aktiv vor?

  • Gerechtigkeit: Gibt es Mechanismen, um Diskrepanzen zwischen verschiedenen Rollen oder Teams auszugleichen?

  • Prävention: Erfolgt ein proaktives Reporting, um sicherzustellen, dass Erholungszeiten tatsächlich genutzt werden?

  • Konfliktmanagement: Sind Eskalationswege bei Terminkollisionen klar kommuniziert?


„Wenn Führungskräfte auf Erholung verzichten, etabliert sich dieser Verzicht indirekt als Norm für das gesamte Team.“

Stefan Scheller, 

PERSOBLOGGER.DE

Lucca: Warum nehmen Mitarbeiter:innen in autonomen Modellen paradoxerweise oft weniger Urlaub?

Stefan Scheller: Hier greift häufig ein subtiler sozialer Druck. Wenn die Führungsebene kaum Urlaub nimmt, prägt das die informellen Normen im Unternehmen. In der Folge nehmen Menschen trotz nominell „unbegrenzter Freiheit“ weniger freie Zeit in Anspruch als in Systemen mit klaren Kontingenten, die aktiv an den Urlaubsabbau erinnern.

Lucca: Was ist organisatorisch notwendig, damit Flexibilität nicht zu operativen Engpässen führt?

Stefan Scheller: Es bedarf klarer Verantwortlichkeiten, definierter Vertretungsketten und einer hohen Transparenz. Zudem muss der Fokus der Leistungsbewertung stärker auf den Ergebnissen liegen als auf der reinen Präsenzzeit.

Lucca: Was wird häufiger unterschätzt: Das Tooling oder die kulturelle Begleitung?

Stefan Scheller: Eindeutig die kulturelle Komponente. Richtlinien lassen sich digital schnell abbilden, aber eine Kultur des Vertrauens wächst langsam. Besonders in etablierten Organisationen kann ein radikaler Wechsel scheitern, wenn die kulturelle Basis fehlt oder die gelebte Praxis den schriftlich fixierten Regeln widerspricht.

Lucca: Welche Kernfrage muss HR beantwortet haben, bevor Vertrauensurlaub sinnvoll diskutiert werden kann?

Stefan Scheller: Die entscheidende Vorfrage lautet: Ist unsere Unternehmenskultur bereits reif für dieses Maß an Eigenverantwortung – und falls nicht, wie sieht der Entwicklungsplan dorthin aus?


Fazit

Unlimited PTO kann ein wirkungsvolles Instrument sein, doch erst die operative Praxis zeigt, ob Prozesse und Kultur stabil genug sind. Wer das Abwesenheitsmanagement modernisieren möchte, sollte mit einem klaren Zielbild hinsichtlich Fairness, Planbarkeit und Compliance starten. Erst wenn die kulturellen Rahmenbedingungen stehen, entfaltet die passende Software-Lösung ihren vollen Wert.


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Über Stefan Scheller: 

Stefan Scheller, auch bekannt als „der Persoblogger“, ist HR-Influencer und Gründer von PERSOBLOGGER.DE, einer der bekanntesten deutschsprachigen HR-Websites.

Auf der Plattform sind aktuelle Fachinformationen und Artikel, Studien und Infografiken zum Download, ein Eventkalender sowie eine Jobbörse kosten- und anmeldefrei zugänglich. Neben Übersichten rund um die HR-Szene (Blogs, Podcasts und Fachliteratur) werden relevante HR-Dienstleister im Anbieterverzeichnis sowie spannende Startups präsentiert.

Sein 14-tägiger Podcast Klartext HR ergänzt die vielfältigen Inhalte um ein 15-minütiges Audioformat rund um New Work, Leadership, Digital HR und Lernen. Das Podcast- Format YOUR HR STAGE bietet Menschen, Unternehmen und Dienstleistern Sichtbarkeit, die bekannter werden wollen in der deutschsprachigen HR-Welt. 25 Minuten in einem witzig-frischen Audio-Format.

In seinem Hauptberuf arbeitet Stefan Scheller als HR-Manager bei der DATEV eG in Nürnberg und berät intern zu Employer Branding, Personalmarketing, Recruiting, New Work und digital HR. Als mehrfacher Buchautor und Speaker begeistert er sein Publikum auf zahlreichen Konferenzen, HR-Messen sowie bei unternehmensintern gebuchten Vorträgen.

Aktuelle Bücher:

  • “Praxisleitfaden erfolgreiche Personalgewinnung für KMU“.

  • „Praxisleitfaden Homeoffice und mobile Arbeit“

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